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Folsäure-Fortifikation: kontrovers diskutiertes Thema
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Registriert: Mi Aug 25, 2010 8:18 am
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Beitrag Folsäure-Fortifikation: kontrovers diskutiertes Thema
Die obligatorische Folsäure-Fortifikation (Anreicherung) von Nahrungsmitteln
Ein in Deutschland kontrovers diskutiertes Thema

Herrmann & Obeid: Dtsch Arztebl Int 2011; 108(15): 249–54 (Ausgabe am 15. April)

Die häufigsten mütterlichen Risikofaktoren für die Geburt eines Kindes mit Neuralrohrdefekt (offener Rücken) sind Folatmangel, Übergewicht und Diabetes. Folatmangel während der Schwangerschaft ist auch Risikofaktor für weitere Geburtsdefekte. Folsäuresupplementation vor der Schwangerschaft senkt die Häufigkeit von Neuralrohrdefekten bis zu 60% (1, 2). Wiederholte Neuralrohrdefekte werden nach einer Bewertung von mehreren Studien durch Folsäure in 85 bis 100% der Fälle verhindert.
Die empfohlene tägliche Aufnahme für Folat ist auf 400 μg diätetische Folat-Äquivalente festgesetzt worden. Das festgelegte obere Limit für die Folsäureaufnahme beträgt 1 mg/d. Die international unterschiedlichen Strategien zur Steigerung der Folataufnahme junger Frauen haben allesamt wenig Erfolg gezeigt. Aufklärungsmaßnahmen und Vorsorgeprogramme in den Niederlanden haben nach zehn Jahren nur bei bis zu 42% der jungen Frauen zu einer ausreichenden Folsäuresupplementation geführt. In Deutschland ist die Gesamtfolataufnahme (einschließlich des Verzehrs folsäurehaltiger Multivitamingetränke) um den Zeitpunkt der Empfängnis herum nur bei 8,6 % der Frauen als ausreichend berichtet worden (3). Der Deutsche Bundesrat empfahl im Jahr 2006 die Verbesserung der Folataufnahme (Aufklärungsmaßnahmen für die Frauen und das Personal von Gesundheitseinrichtungen [http://www.bundesrat.de]). Bislang haben die Maßnahmen aber zu keiner Abnahme von Neuralrohrdefekten in Deutschland geführt.

Bei nicht-schwangeren, deutschen Frauen liegt die mittlere diätetische Folataufnahme bei bis zu 252 μg/d (4). Die mittlere tägliche Folataufnahme schwangerer Frauen liegt, entsprechend einer Studie aus drei europäischen Ländern, zwischen 311- 327 μg/d (5). Die entsprechende Folataufnahme in Deutschland liegt zwischen 254 und 271 μg/d (5). Nur 6% der Studienteilnehmerinnen erreichte die in Deutschland, Österreich und der Schweiz empfohlene Folataufnahme für Schwangere von 600 μg/d und nur 26% hatten eine diätetische Gesamtfolataufnahme (Folsäure plus diätetisches Folat) von 400 μg/d. In Deutschland waren in der zwanzigsten Schwangerschaftswoche nur 36% der Schwangeren mit Folsäure supplementiert (5).

Eine Folsäuresupplementation soll mindestens einen Monat vor der Empfängnis beginnen, da der Schluss des Neuralrohres im ersten Monat nach der Empfängnis erfolgt. Die meisten Schwangerschaften sind ungeplant und die mittlere Zeitspanne bis zur ersten Vorsorgeuntersuchung beim Frauenarzt beträgt neun Wochen. Eine Zeit, die für eine Verhinderung von Neuralrohrdefekten zu spät ist. Weitere beeinträchtigende Faktoren sind fehlendes Wissen, besonders bei sozial benachteiligten Frauen, mangelnde Bereitschaft zur Folsäuresupplementation wie auch Kostengründe.

Deshalb wurde 1998 in den USA und Kanada die obligatorische Folsäurefortifikation von Getreideprodukten eingeführt. Die Kosten für die Folsäureanreicherung sind niedrig (USA ungefähr 1,5 bis 3 US Dollar/Tonne Weizenmehl; http://www.cdc.gov/mmwr/preview/mmwrhtml/mm5701a4.htm). In Chile werden beispielsweise die jährlichen Kosten der Fortifikation durch nur zwei verhinderte Fälle von Neuralrohrdefekten ausgeglichen. Mittlerweile haben sich über 50 Ländern der obligatorischen Folsäurefortifikation von Grundnahrungsmitteln zur Vorbeugung von Neuralrohrdefekten angeschlossen.

Bezüglich des Krebsrisikos ist Folsäure eine duale Rolle zuzuordnen: Bei moderater Einnahme wäre sie schützend, während übermäßige Einnahme (weit über 1 mg/d) über einen langen Zeitraum (viele Jahre) Tumorwachstum (Krebs) beschleunigen kann. Bislang gibt es aber keine beweisenden Daten bezüglich einer zusammenhängenden Rolle für eine erhöhte Krebshäufigkeit oder krebsbezogener Sterblichkeitsrate.

Nationale Strategien zur Folsäurefortifikation, Schlussbemerkungen
Vor dem Umsetzen einer Folsäurefortifikation sollte der Nutzen für die Bevölkerung unter Abschätzung mehrerer Faktoren berechnet werden (wie häufig ist Folatmangel, wie viel Folsäure wird benötigt, welche Lebensmittel kommen als Träger in Frage, usw.). Die hohe Häufigkeit an Neuralrohrdefekten in Deutschland könnte mit einer obligatorischen Folsäurefortifikation bis zu 50% gesenkt und zusätzlich erhebliche Kosten gespart werden. Eine Beschleunigung der Tumorvoranschreitung bei Folsäureaufnahme in der Größenordnung gegenwärtiger Fortifikationsprogramme ist aufgrund des Fehlens übereinstimmender Ergebnisse und der ursächlichen Beziehungen zu verneinen.


1. Czeizel AE, Dudas I: Prevention of the first occurrence of neural-tube defects by periconceptional vitamin supplementation. N Engl J Med 1992; 327: 1832–5.
2. Lumley J, Watson L, Watson M, Bower C: Periconceptional supplementation with folate and/or multivitamins for preventing neural tube defects. Cochrane Database Syst Rev 2001;CD001056.
3. Genzel-Boroviczény O, Hachmeister A, von Kries R: Unverändertes Risiko für Neuralrohrdefekte. Mangelhafte Umsetzung der Empfehlungen zur Folsäureprophylaxe in der Frühschwangerschaft. Kinderärztliche Praxis 1997; 1: 6–9.
4. Lamers Y, Prinz-Langenohl R, Bramswig S, Pietrzik K: Red blood cell folate concentrations increase more after supplementation with [6S]-5-methyltetrahydrofolate than with folic acid in women of childbearing age. Am J Clin Nutr 2006; 84: 156–61.
5. Franke C, Verwied-Jorky S, Campoy C, et al.: Dietary intake of natural sources of docosahexaenoic acid and folate in pregnant women of three European cohorts. Ann Nutr Metab 2008; 53: 167–74.


Do Apr 21, 2011 8:30 pm
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