
Folsäure „vor“ und „während“ der Schwangerschaft:Ein Muss
Seit 1992 wird Frauen im gebärfähigen Alter die Aufnahme von zusätzlich 400-800 µg Folsäure am Tag empfohlen. In Ländern, wo das Mehl mit Folsäure angereichert ist (wie USA, Canada, Chile), wurde bereits eine deutliche Abnahme von bestimmten Geburtsdefekten (Neuralrohrdefekte = NTDs) beobachtet (1, 2). Für Frauen mit einer positiven Anamnese bezüglich NTD-Schwangerschaft wird die tägliche Einnahme von 4 bis 5 mg Folsäure empfohlen.
Die international unterschiedlichen Strategien zur Steigerung der Folataufnahme junger Frauen haben wenig Erfolg gezeigt. Aufklärungsmaßnahmen und Vorsorgeprogramme in den Niederlanden haben nach 10 Jahren nur bei 30 bis 42% der jungen Frauen zu einer ausreichenden Folsäuresupplementation geführt (3, 4). In Deutschland ist die perikonzeptionelle Gesamtfolataufnahme (einschließlich des Verzehrs folsäurehaltiger Multivitamingetränke) nur bei 8,6 Prozent der Frauen als ausreichend berichtet worden (5).
Der Deutsche Bundesrat empfahl 2006 die Verbesserung der Folataufnahme (Aufklärungsmaßnahmen für die Frauen und das Personal von Gesundheitseinrichtungen [http://www.bundesrat.de]). Bislang haben die Maßnahmen aber zu keiner Abnahme von NTDs in Deutschland geführt. Bei deutschen Frauen liegt die mittlere diätetische Folataufnahme bei 225–252 µg/d (6). Die mittlere tägliche Folataufnahme schwangerer Frauen liegt, entsprechend einer Studie aus drei europäischen Ländern, zwischen 311 und 327 µg/d (7). Die entsprechende Folataufnahme in Deutschland liegt zwischen 254 und 271 µg/d (7). Das bedeutet, dass bei mindestens 50% aller Frauen die Aufnahme 50% unter dem Tagsbedarf liegt. Nur 6% der Studienteilnehmerinnen erreichten die in Deutschland, Österreich und der Schweiz empfohlene Folataufnahme für Schwangere von 600 µg/d und nur 26% hatten eine diätetische Gesamtfolataufnahme von 400 µg/d. In Deutschland waren in der 20sten Schwangerschaftswoche nur 36% der Schwangeren mit Folsäure supplementiert (7).
Die europäische Datenbank für Geburtsdefekte (EUROCAT) berichtet für die meisten europäischen Länder, verglichen mit Ländern mit Fortifikationsprogrammen, ein wesentlich höheres Auftreten von NTDs (
http://www.eurocat-network.eu). Mitteilungen über Geburtsdefekte in Deutschland aus dem Jahr 2008 zeigen die höchste Inzidenz an NTDs seit 1996 (15,76 vs. 16,84 pro 10.000 Geburten in Sachsen-Anhalt). Der EUROCAT-Mittelwert liegt bei 7,88 pro 10.000 Geburten (zwischen 2004-2008), in Deutschland sind es 12,36 pro 10.000 Geburten (Mittelwert der Datenbank Mainz und Sachsen-Anhalt). Das bedeutet jährlich etwa 800 NTDs in Deutschland. Etwa 50% davon könnte man mit Folsäure verhindern.
Eine Folsäuresupplementation soll mindestens einen Monat vor der Konzeption beginnen, da der Schluss des Neuralrohres im ersten Monat nach der Konzeption erfolgt. Die meisten Schwangerschaften sind ungeplant und die mittlere Zeitspanne bis zur ersten pränatalen Visite beträgt neun Wochen, eine Zeit, die für eine Prävention von NTD zu spät ist. Weitere beeinträchtigende Faktoren sind fehlendes Wissen, besonders bei sozial benachteiligten Frauen, mangelnde Bereitschaft zur Folsäuresupplementation, wie auch Kostengründe.
1. J. S. Lopez-Camelo et al., Am. J Med Genet. A 135, 120 (2005).
2. A. Busby et al., Reprod. Toxicol. 20, 393 (2005).
3. R. M. Weggemans, G. Schaafsma, D. Kromhout, Eur J Clin Nutr. 63, 1034 (2009).
4. H. E. de Walle, de Jong-van den Berg LT, Eur J Clin Pharmacol. 64, 539 (2008).
5. Genzel-Boroviczény O, Hachmeister A, von Kries R, Kinderärztliche Praxis 1, 6 (1997).
6. Y. Lamers, R. Prinz-Langenohl, S. Bramswig, K. Pietrzik, Am. J Clin Nutr. 84, 156 (2006).
7. C. Franke et al., Ann. Nutr. Metab 53, 167 (2008).